25. September 2020
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Panne bei Corona Teststationen: 107.000 haben sich testen lassen – 1.389 positiv – 100 nicht zuzuordnen

Eine große Blamage musste die Bayerische Staatsregierung am Mittwoch eingestehen: 44.000 auf den Corona-Virus getestete Personen an den Teststationen an den Autobahnen, Bahnhöfen und Flughäfen in Bayern warten auf ihr Testergebnis. Vor allem: 900 positiv Getestete sind bis Mittwoch nicht informiert worden und konnten deshalb wiederum Tausende anstecken. Der Grund für die Panne: Die Testergebnisse mussten händisch erfasst und ausgewertet werden. Das Bayerische Rote Kreuz, das vorübergehend die Aufgabe der Testungen übernommen hatte, spricht von Befund-Chaos und verwehrt sich gegen Kritik, es sei mit Schuld an der Panne.

Gesundheitsnministerin Melanie Huml
Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU)
Quelle Foto: Bayerisches Staatsminsterium für Gesundheit und Pflege

(Update 14,8,2020, 12.51 Uhr) +++ Laut Auskunft des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) haben sich bis Mittwoch 107.000 Reiserückkehrer an den Flughäfen, Bahnhöfen und vor allem an den Autobahnen testen lassen. Davon waren 1.389 positiv. Im Einzelnen verteilt das sich wie folgt:

  • Autobahn-Raststätten A3 bei Passau, A8 bei Traunstein und A93 im Inntal: 72.000 getestet, 1.188 positiv (1,5%)
  • Hauptbahnhöfe München und Nürnberg: 6.000 getestet und 44 positiv (0,7%)
  • Flughäfen München, Nürnberg und Memmingen: 29.000 getestet und 157 positiv (0,5%).

Es sind vor allem die Reiserückkehrer aus den Balkanstaaten und der Türkei, deren Anteil überdurchschnittlich bei den positiven Tests auffällt. Das Robert-Koch-Institut führt eine Statistik, das die letzten vier Wochen erfasst. Danach steht als wahrscheinliches Infektionsland der Kosovo mit über 1.000 positiven Fällen an der Spitze, gefolgt von der Türkei mit 500 Fällen, Kroatien mit 260 und Serbien mit knapp 200 Fällen. 

Jetzt werden nicht mehr die ehrenamtlichen Helfer des BRK mit der Durchführung der Tests an den Autobahnen belastet. Das LGL hat den Auftrag an das Labor Eurofins vergeben, das auch über die erforderliche Software zur Erfassung der Daten und Übermittlung der Ergebnisse verfügt. 

Laut einer Aussage von Ministerpräsident Markus Söder in der letzten Woche sind von den Reiserückkehrern, die sich an den Autobahn-Stationen testen lassen, 60 Prozent aus anderen Bundesländern und 40 Prozent aus Bayern.

(Update 16.20 Uhr) Auf einer Pressekonferenz mit Ministerpräsident Markus Söder und Gesundheitsministerin Melanie Huml teilte Söder mit, dass Huml ihm zweimal den Rücktritt angeboten habe. Er hat ihn allerdings nicht angenommen. Huml erklärte zum aktuellen Stand, dass inzwischen 908 positiv Getestete telefonisch informiert worden seien. Etwa 100 Test von Personen mit einer COVID19-Infektion konnten noch nicht eindeutig zugeordnet werden und befinden sich  noch in Klärung. 

(Erstmeldung) Eine riesengroße Panne in der Bekämpfung des Coronavirus musste Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) am 12. August 2020 eingestehen. Etwa 44.000 an Autobahnen, Bahnhöfen und Flughäfen Getestete warten auf ihr Testergebnis. Etwa 900 Infizierte sind nach ihrem Urlaub oder Aufenthalt im Ausland nach Bayern eingereist und positiv getestet worden. Sie wissen allerdings nichts davon, weil sie bislang nicht informiert wurden, und können damit eine Welle an neuen Infektionen auslösen. 

Huml übernahm die Verantwortung für die Panne und hat versprochen, dass in einer Nachtaktion das Dilemma gelöst wird. Der Grund, warum die Information der getesteten Personen nicht funktioniert: Die Kontaktdaten wurden händisch auf Formularen erfasst und mit dem Übertragen auf ein digitales System kam man angesichts des großen Ansturms auf die Testzentren nicht nach. Vorübergehend hatten Rettungsorganisationen mit ehrenamtlichen Helfern die Testungen für die Einreisenden übernommen. Erst gestern übernahmen private Unternehmen die Stationen. Seitdem ist die elektronische Erfassung und Weiterverfolgung der Tests gewährleistet.

Das Bayerische Rote Kreuz (BRK) wehrt sich gegen die Kritik einer Teilschuld an der Panne: “Das BRK weist Vorwürfe oder Andeutungen zurück, die darauf schließen lassen, dass die Hilfsorganisationen eine (Teil-) Schuld an dieser Problematik haben. Zudem bedauert das BRK, dass hierdurch der äußerst kurzfristige und schweißtreibende Einsatz der Ehrenamtlichen aller bayerischen Hilfsorganisationen in ein negatives Licht gerückt wird.” Innerhalb nur einen Tages hätten ehrenamtliche Helfer die Teststationen an zwei Bahnhöfen und drei Autobahnraststätten hochgezogen. Man habe sich dabei strikt an den Vorgaben des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) und der Gesundheitsämter vor Ort. Da das LGL sich nicht in der Lage gesehen hat, in dieser kurzen Zeit eine entsprechende Software zur Verfügung zu stellen, mussten die Reisenden händisch mit Formularen erfasst werden. Diese Formulare wurden vom LGL zur Verfügung gestellt. 

Politik fordert Konsequenzen aus dem Testchaos

Die SPD im Bayerischen Landtag verlangt eine Sondersitzung des Gesundheitsausschusses. Die gesundheitspolitische Sprecherin Ruth Waldmann fordert umgehende Aufklärung und Behebung des Corona-Testchaos der bayerischen Staatsregierung. “Es reicht nicht, wenn Herr Söder sich großspurig als Retter der Republik in Szene setzt und Tests für Reiserückkehrer ankündigt, die Staatsregierung und die Behörden müssen eben auch liefern. Das ist ganz offensichtlich nicht geschehen. Seit Tagen und Wochen leben 44.000 Reiserückkehrer in Ungewissheit und 900 nicht informierte Infizierte können Tausende anstecken. Das ist keine Panne, sondern das komplette Versagen der Organisation”, erklärt die Münchner Abgeordnete.

Die Staatsregierung müsse nun schnell erklären, wie die Tests künftig funktionieren sollen, wer wofür zuständig ist und wie die Abläufe organisiert werden. Wenn man Tests mache, müsse alles vorbereitet sein: Material, und eben auch die nötige digitale Ausstattung, Fachpersonal für die Abstriche, Sicherstellung der schnellen Transporte, ortsnahe Labore und natürlich die Auswertung sowie die Mitteilung der Testergebnisse. “Es ist mir unbegreiflich, wie man im Zeitalter der Digitalisierung ehrenamtliche Helfer mit Zetteln arbeiten lassen kann. Minister hatten Zeit, für schöne Fotos zu Teststationen zu fahren, aber offenbar hat niemand nachgefragt, wie es mit den Tests tatsächlich funktioniert”, ärgert sich Waldmann. Die stellvertretende Vorsitzende des Gesundheitsausschusses hält es für unerlässlich, einen zweiten Test für die Reiserückkehrer anzuordnen. Am Donnerstag forderte die SPD dann auch noch den Rücktritt von Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). 

Auch die Grünen im Landtag sind entsetzt. Der Fraktionsvorsitzende, Ludwig Hartmann, stellte ein eklatantes Regierungsversagen fest und erklärte weiter: “Das ist eine Schocknachricht für Deutschland und kratzt am Nimbus des selbstgefälligen Krisenmanagers Söder. Ausgerechnet die bayerische CSU-FW-Regierung lässt 900 potenzielle Superspreader ahnungslos durchs Land reisen. Markus Söder muss umgehend dafür sorgen, dass das Handeln seiner Ministerinnen und Minister mit seinen wortgewaltigen Ankündigungen Schritt hält. Sonst muss man an dieser Stelle festhalten: Söder kann Krise nicht.” Hartmann ergänzt: “Söders Testdebakel an unseren Grenzen ist der bislang größte und folgenschwerste Fehler der Pandemiebekämpfung in ganz Deutschland.”

Ministerpräsident Markus Söder twitterte am Donnerstag: “Fehler bei Corona-Testzentren: Das ist sehr, sehr ärgerlich. Das muss sofort behoben werden und darf nicht mehr passierten. Alle Strukturen sind umgehend zu überprüfen. Leider muss ich daher meinen Besuch an der Nordsee absagen. Bayern geht vor.”

Teststationen für Reiserückkehrer

Teststationen für Reiserückkehrer gibt es an den Flughäfen München, Nürnberg und Memmingen sowie an den Bahnhöfen München und Nürnberg und an den Autobahn-Rastanlagen der A8 (Hochfelln-Nord), A93 (Inntal-Ost) und A3 (Donautal-Ost). Die drei an den Autobahnen gelegenen Testzentren sind rund um die Uhr in Betrieb. Die Testzentren an den beiden Hauptbahnhöfen München und Nürnberg sind zwischen 7 Uhr und 23 Uhr in Betrieb. Die Testzentren an den Flughäfen haben jeweils entsprechend des jeweiligen Flugbetriebs an den Flughäfen geöffnet. Bei allen ankommenden Flügen ist somit die Öffnung aller Testzentren gewährleistet.

Eine Testpflicht besteht für alle Reiserückkehrer aus Risikogebieten. Ob ein Land ein Risikogebiet ist, kann der Website des RKI nachgelesen werden. 

 

 

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